Ich habe angefangen, Die Wurzeln des Lebens von Richard Powers zu lesen. Eigentlich wollte ich einfach einen Roman lesen. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass das Buch mir Fragen stellt, die mich schon länger beschäftigen.
Kurz zum Buch:
Die Wurzeln des Lebens (The Overstory) erzählt die Lebensgeschichten verschiedener Menschen, deren Schicksale auf unterschiedliche Weise mit Bäumen und der Natur verbunden sind. Die einzelnen Kapitel wirken zunächst fast wie eigenständige Kurzgeschichten. Menschen kommen und gehen, während die Bäume einen ganz anderen Zeitmaßstab haben. Erst nach und nach entsteht ein größeres Bild.
Und genau dieser Perspektivwechsel hat mich schon in den ersten Kapiteln erwischt.
Menschenleben und Baumleben
Gleich am Anfang steht eine Kastanie. Menschenleben verändern sich, Beziehungen entstehen und zerbrechen, Projekte beginnen und enden – und der Baum bleibt.
Das hat mich unerwartet stark getroffen.
Wir Menschen denken in Jahrzehnten. Ein Baum kann Jahrhunderte erleben. Plötzlich wirkt das eigene Leben gleichzeitig unglaublich lang und unglaublich kurz.
Besonders hart war für mich der Suizid eines Vaters. Bis dahin wurde er als lebensfroher und weiser Mensch beschrieben. Und dann ist er plötzlich nicht mehr da.
Mein erster Gedanke war tatsächlich:
Warum?
Es schien doch noch so viel möglich. Dinge können enden. Ein Projekt kann scheitern. Ein Baum kann sterben. Aber danach ist doch auch wieder Platz für etwas Neues.
Vielleicht war genau das der Punkt: Wir sehen einen Menschen immer nur von außen. Was in seinem Inneren passiert, können wir nie vollständig wissen.
Das Kapitel hat mich deshalb auch über meine eigene Haltung zur Vergänglichkeit nachdenken lassen.
Ich glaube inzwischen: Man kann die Vergänglichkeit nicht besiegen. Aber man kann lernen, mit ihr zu leben, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen.
Natur als Sehnsucht
In den folgenden Geschichten tauchte immer wieder etwas auf, das mir bekannt vorkam: Menschen, die eine Verbindung zur Natur haben, diese aber im Laufe ihres Lebens verlieren oder verdrängen.
Natur wird zum Hobby. Zur Erinnerung. Zu einem Ort, an dem man einmal war.
Oder sie wird durch technischen Fortschritt und gesellschaftliche Erwartungen immer weiter aus dem Alltag gedrängt.
Das hat mich getroffen, weil ich selbst gerade merke, wie wenig Zeit ich tatsächlich in “wilder” Natur verbringe.
Meine Kinder sind noch klein. Wenn sie abends endlich schlafen, bin ich meistens erschöpft. Wenn meine Frau noch lernt, sitze ich oft noch ein bis anderthalb Stunden am PC, erledige Papierkram, spiele etwas oder schaue Videos.
Ein Buch würde ich zu dieser Uhrzeit kaum noch schaffen.
Und trotzdem fehlt mir die Natur.
Ich vermisse Wälder, lange Wanderungen, Gerüche, das Gefühl, draußen zu sein. Nicht nur als Freizeitbeschäftigung, sondern als etwas, das mich innerlich wieder sortiert.
Mein früheres Ich sitzt am PC
Besonders interessant war für mich deshalb das Kapitel über Neelay Mehta.
In ihm habe ich mein früheres Ich wiedererkannt.
Den Menschen, der stundenlang am PC sitzen kann, weil es faszinierend ist, etwas zu erschaffen, Systeme zu verstehen und digitale Welten zu bauen.
So bin ich heute noch in vielen Bereichen.
KI, Selfhosting, Open Source, Computer, Netzwerke, das Bauen von KI-Agenten – all das kann mich immer noch völlig hineinziehen.
Aber heute gibt es eine zweite Seite.
Familie. Garten. Pflanzen. Wald. Bewegung. Selbstversorgung. Resilienz.
Ich möchte nicht meine Technikbegeisterung loswerden.
Im Gegenteil.
Ich möchte herausfinden, wie beide Seiten zusammengehören.
Bits und Bäume
Damit bin ich bei einer Idee angekommen, die mich schon länger beschäftigt:
Bits & Bäume.
Nicht im Sinne einer fertigen Organisation oder politischen Bewegung.
Eher als lose Beschreibung dessen, was ich suche.
Denn ich habe bisher nur wenige Menschen gefunden, bei denen beides wirklich zusammenkommt:
Menschen, die sich für KI, Open Source, digitale Souveränität, Selfhosting und Cybersecurity begeistern – und gleichzeitig für Pflanzen, Wald, Garten, Selbstversorgung und Naturverbundenheit.
Oft sind es zwei getrennte Welten.
Hier die Techniknerds.
Dort die Naturmenschen.
Ich suche die Schnittmenge.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Buch gerade so beschäftigt.
Nicht zurück, sondern vorwärts
Ich möchte nicht zurück in eine Welt ohne moderne Technik.
Ich möchte auch nicht in einer vollständig digitalisierten Welt leben, in der Natur nur noch als Bildschirmhintergrund vorkommt.
Ich stelle mir eher etwas dazwischen vor.
Vielleicht etwas, das man Solarpunk nennen könnte:
Technik als Werkzeug, nicht als Selbstzweck.
Open Source statt unnötiger Abhängigkeit.
Digitale Souveränität statt vollständiger Abhängigkeit von Konzernen.
Gärten, erneuerbare Energie, Selbstversorgung und lokale Gemeinschaften.
KI, die Menschen unterstützt, statt sie weiter von ihrer Umwelt und voneinander zu entfernen.
Und vor allem: Menschen, die wieder das Gefühl bekommen, selbst etwas tun zu können.
Kleine Schritte statt großer Revolution
Dabei stoße ich immer wieder auf ein Problem.
Wenn ich darüber nachdenke, wie ich mein eigenes Leben verändern möchte, denke ich sofort in großen Systemen.
Community.
Plattform.
Unternehmen.
Solarpunk-Projekt.
Vielleicht irgendwann sogar eine ganz neue Form des Zusammenarbeitens und Zusammenlebens.
Aber vielleicht ist das der falsche Maßstab.
Ein Baum pflanzt auch nicht den Wald.
Er wächst.
Er bildet Samen.
Andere Bäume wachsen daneben.
Und irgendwann ist da ein Wald.
Vielleicht muss ich also nicht sofort das “System” verändern.
Vielleicht muss ich erst einmal mein eigenes kleines System verändern.
Eine Pflanze kennenlernen.
Mehr Zeit im Garten verbringen.
Mit meinen Kindern etwas draußen entdecken.
Einen Baum pflanzen.
Technik bauen, die im Garten sinnvoll ist.
Eine Stunde im Wald verbringen.
Menschen finden, die ähnliche Fragen haben.
Eine Community entsteht vielleicht irgendwann daraus.
Oder auch nicht.
Aber der erste Schritt kann trotzdem richtig sein.
Pflanzen als Zeitzeugen
Eine Idee aus dem Buch habe ich dabei direkt für mich mitgenommen: Pflanzen als Erinnerungen.
Wir haben bereits einige Pflanzen in unserem Garten, die mit bestimmten Ereignissen verbunden sind.
Und sie erfreuen uns tatsächlich immer wieder.
Das gefällt mir inzwischen mehr und mehr.
Ein Geschenk wird irgendwann irgendwo verstaut.
Eine Pflanze wächst weiter.
Vielleicht pflanzt man sie zu einem Hochzeitstag. Ein paar Jahre später spielen die Kinder daneben. Noch später trägt sie Früchte oder spendet Schatten.
Sie wird zu einem lebendigen Teil der Familiengeschichte.
Vielleicht sollten wir viel häufiger Dinge pflanzen, anstatt Dinge zu kaufen.
Was ich eigentlich suche
Während ich Die Wurzeln des Lebens lese, merke ich, dass ich vielleicht gar nicht nach einem neuen Hobby suche.
Ich suche nach einer Art zu leben, in der die verschiedenen Teile von mir nicht ständig gegeneinander arbeiten.
Der Technikmensch.
Der Naturmensch.
Der Familienmensch.
Der neugierige Mensch.
Der Mensch, der gerne Dinge baut.
Der Mensch, der Gemeinschaft sucht.
Vielleicht müssen diese Teile gar nicht getrennt werden.
Vielleicht ist genau ihre Verbindung mein eigentliches Thema.
Bits & Bäume.
Technik und Natur.
Fortschritt und Verwurzelung.
Digitale und körperliche Freiheit.
Selbstbestimmung und Gemeinschaft.
Ich weiß noch nicht, was daraus einmal konkret entstehen wird.
Vielleicht ein Projekt. Vielleicht eine Community. Vielleicht ein Garten mit viel Technik. Vielleicht eine Firma. Vielleicht etwas völlig anderes.
Aber ich glaube inzwischen, dass ich nicht unbedingt das fertige Ziel kennen muss.
Vielleicht reicht es zunächst, jede Woche einen kleinen Schritt in die Richtung zu gehen, in der ich mich mehr wie ich selbst fühle.
Und vielleicht ist das genau das, was mir dieses Buch gerade gibt:
Keine fertigen Antworten.
Aber bessere Fragen.